Der Heilige Expedit, Schutzpatron für um Gnade bittende Gläubige, ist das Objekt eines weltweit einzigartigen Kults. Über alle Religionen, Bräuche und Glauben hinaus versammelt er vor seinen kleinen roten Altären alle Einwohner von La Réunion…

Wenn man die Straßen und Wege von La Réunion zum allerersten Mal sieht, wundert man sich über die vielen kleinen, rotbemalten Gebetsstätten, die den Weg begleiten: über die ganze Insel verteilt sind es mehrere Hundert. Und sobald sich die Gelegenheit ergibt, nähert man sich, um zu entdecken, was es mit den seltsamen Häuschen auf sich hat, die alle Besucher so fleißig für ihre Urlaubssouvenirs fotografieren… Die Antwort kennt auf La Réunion jedes Kind: Saint Expédit.

Inmitten von Votivgaben, Blumen, Kerzen und Münzen steht eine kleine Figur, wie ein römischer Legionär gekleidet, mit einem Kreuz in der rechten Hand, das die Aufschrift „hodie“ („Heute“) trägt, und den linken Fuß auf einen Raben gesetzt, der das Wort „cras“ („Morgen“) spricht. In der anderen Hand hält sie den Palmzweig der Märtyrer. Die Geschichte des Heiligen Expedit erklärt diese Symbolik: der Römische Zenturio aus Armenien, der sich zum Christentum bekannt hatte, soll im Jahr 303 getötet worden sein, weil er sich geweigert hatte, seinem christlichen Glauben abzuschwören.

Eine wahre Geschichte

Wenn die katholische Kirche auch die Wahrhaftigkeit der Existenz dieses untergeordneten Heiligen, von dem es keine einzige Reliquie gibt, in Frage stellt, so hat er dennoch Spuren in der Literatur zurückgelassen. Im Jahr 1910 schrieb der deutsche Dichter Christian Morgenstern einen lustigen Text, der folgende Geschichte erzählt: einige Nonnen empfingen eine Kiste mit Reliquien, auf der das Wort „expedito“  stand – und da sie nicht wussten, von wem die Kiste kam, sprachen sie die Reste... dem Heilligen Expedit zu. Der reunionesische Historiker Prosper Eve, ein Spezialist der lokalen Geschichte, zitierte das Gedicht, das sich rasch verbreitete und diese Legende entstehen ließ. Man erzählt sie Ihnen gern, wenn Sie Fragen nach dem „'ti bon Dié" (dem kleinen lieben Gott) des Straßenrands stellen!

Und wie nun hat der Märtyrer seinen sandalenbeschuhten Fuß auf La Réunion gesetzt ? Vielleicht wegen Fanny Fleurié, einer Réunionaisin, die zu Ende des ersten Weltkriegs wegen einer Grippeepidemie in Marseille festsaß: sie soll in einer Kirche, in der sich eine Statue des Heiligen befand, gebetet und ihm gelobt haben, daß sie sich seiner Verehrung widmen würde, wenn er sie nach Hause führte. Nur drei Tage später fand sie ein Schiff, das sie aufnahm… Bei ihrer nächsten Reise zum Mutterland kaufte sie eine Statue des Heiligen Expedit, die sie dann  feierlich der Kirche Notre-Dame de la Délivrance, in Saint-Denis übergab. Dieses allererste Abbild des Heiligen auf der Insel wurde am 3. Mai 1931 gesegnet und soll seine Verehrung auf La Réunion ausgelöst haben.  Einigen Historikern nach soll sie aber schon früher verbreitet gewesen sein. Die Doktorarbeit von Philippe Reignier an der Université de La Réunion im Jahr 2001 ist ganz der Verehrung des Heiligen Expedit gewidmet – ein weiterer Beweis dafür, dass der Heilige trotz seiner unsicheren Herkunft viel von sich reden macht und unabdingbar zum Kulturerbe von La Réunion dazugehört. Er wird übrigens auch in Brasilien gefeiert – im Dorf Santo Expedito, wo seine Prozession zahlreiche Gläubige aus vielen verschiedenen Gemeinden anzieht.

Volksglaube

Auf La Réunion wenden alle Religionsgemeinschaften sich an Saint Expédit: eine Prüfung bestehen, die Rückkehr eines flatterhaften Ehemanns, den Führerschein machen, eine schwere Prüfung des Lebens – man ruft den Heiligen Expedit um Beistand an, wenn der Fall verzweifelt und die Lösung dringend ist. Es scheint, dass der Heilige auf diesen tiefen, volkstümlichen Glauben, der nicht zu erschüttern ist, wohlwollend und auch wirkungsvoll antwortet – wenn man nach den zahlreichen Danksagungen geht, die sich an den sich weiterhin vermehrenden ihm gewidmeten Altären und Oratorien finden.